EMP Exklusiv: „Gore“ von den Deftones im Track-by-Track-Review

EMP-Blog

Musik, Interview und Reviews rund um Heavy Metal Musik, Filme und Rocker Klamotten.

Deftones-Banner
Deftones-Banner

EMP Exklusiv: „Gore“ von den Deftones im Track-by-Track-Review

| Keine Kommentare

Deftones-BannerGore“, das neue Album der US-Band Deftones sorgte bereits vor der anstehenden Veröffentlichung für Aufsehen. Die Diskrepanz zwischen der Band um Frontmann Chino Moreno und dem Gitarristen Steven Carpenter hinsichtlich der Musik wurde öffentlich. Alleine dies wäre schon Grund genug das 8. Album der Band aus Sacramento auf Herz und Nieren zu prüfen.

Exklusiv bei EMP: die Track-by-Track-Rezension.

Fliegende Flamingos und ein eher fröhliches Artwork waren die ersten Anzeichen zum neuen Werk der einstigen Nu Metal Helden. Die Deftones irritierten irgendwie mit dem Nachfolger zu „Koi No Yokan“, welches 2012 erschien. Es sollte der erste Appetitmacher mit „Prayers / Triangles“ folgen, was die einsetzenden Zweifel aber umgehend wieder ad-acta legen sollten. Ein gewaltiger Song ohne jeden Zweifel. Doch die Aussage des Gitarristen Stephen Carpenter, dass er die Song nicht spielen wollte und er eine lange Zeit benötigte, sich mit dem neuen Material zu identifizieren, sollten doch wieder Zweifel an der Ausrichtung der Band aufkeimen lassen.

„Ich denke worauf ich am meisten stolz sein kann hinsichtlich der Gitarrenarbeit auf diesem Album ist die Tatsache, dass ich überhaupt auf diesem Album spiele.“

Stephen Carpenter

Stephen Carpenter wollte die Songs der Platte eigentlich gar nicht anfassen. Zum Glück hat er sich das nochmals überlegt.

Der bekennende Meshuggah-Fan ging aber noch einen Schritt weiter und verriet, dass die Differenzen doch größer als gedacht sind. Oder nur eine ehrliche Einschätzung?

„Meine Band geht in die eine Richtung und ich gehe aktuell in eine andere Richtung. Ich verlasse die Deftones nie, jedoch hat die Band während der Aufnahmen damit begonnen, mich zu verlassen.“

Lasst uns gemeinsam die 11 Songs genauer betrachten …

… um zu schauen, wo die Deftones 2016 stehen. Reicht es für ein starkes Album oder sogar ein überragendes?

Deftones -Gore Cover

Fliegende Flamingos und ein schlichtes „Gore“ haben es in sich. Wir checken das neue Deftones Album für euch!

Prayers/Triangles

Der erste Song stellt auch direkt die Vorab-Single des kommenden Albums dar. Aufmerksame Fans werden „Prayers/Triangles“ schon kennen und sich an diesem Stück erfreuen. Was still, geradezu andächtig beginnt, ist gleichzeitig ein Fokus auf die Stimme von Chino Moreno. Erhaben und über Allem stehenden, spielt der Frontmann erneut seine Stärken aus, die bekanntlich in seiner unverwechselbaren Stimme liegen. Nach rund 40 Sekunden nimmt der Songs temporär fahrt auf und leitet in den Chorus über. Ein eingängiges Stück, welches partiell sogar bissig daher kommt ohne das Stück direkt in Fetzen zu reißen. Gegen Ende hin spielt man mit einem epischen Aufbau, welcher sich nach rund 3:40 Minuten entlädt. Zurecht ein Vorbote des Albums und ein mer als gelungener Opener.

Acid Hologram

Da ist sie wieder, diese drückende Stimmung, für welche man die Deftones schätzt. Schwere und langsame Gitarren, welche runtergestimmt sind, um der Sache Nachdruck zu verleihen. Man schleppt sich durch den Song und die offensichtliche Dunkelheit strahlt enorm. Lediglich im Chorus gibt es kurze, helle Momente, wohlgemerkt auf musikalischer Ebene. Mit anmutenden zweistimmigen Fragmenten verhindert man, dass der Song stets eine lebensbejahende Grundmessage hat, welche aber dennoch stark ins Morbide neigt. Feine DJ-Spielereien und eine Metal-lastige Gitarre in der letzten Minute zeigen, dass die Deftones ihre alten und geschätzten Wurzeln keineswegs vergessen haben.

Dommed User

Zack, spätestens hier ist der Hörer komplett wieder an Bord. Messerscharf schneidet sich die Gitarre von Carpenter in die Gehörgänge und der einzigartige Deftones-Sound umwickelt einen mit der gewohnten Präzision. Gerade simple aufgebaut werkelt man sich durch die 4:27 Minuten und macht klar, dass die Deftones neben Shoegaze und Dreampop auch immer noch Metal beziehungsweise Nu Metal in ihren Herzen tragen. Stimmlich kommt Moreno an die ganz alten Tage hin und serviert kurzerhand die komplette Bandbreite seines Organs. Mit Shouts bestückt, geht Chino wieder an die Grenzen des Machbaren und zeigt, wieso er unter den Top-Sängern der härteren Musikart gelistet ist.

Chino Moreno -Studio

Chino Moreno im Studio. Der Sänger ist für seine Ausnahmestimme bekannt.

Geometric Headdress

Krude, sperrig und dennoch irgendwie luftig startet „Geometric Headdress“ in die Schlacht. Man ist sich unschlüssig, ob die Deftones dem Bösem oder dem Guten die Oberhand überlassen wollen. Abe Cunningham wirbelt die Sticks zu den unterschiedlichsten Tempiwechseln meisterlich, während Sergio Vega seinen Bass meisterlich einsetzt. Ein Song, welcher vielleicht nicht beim ersten Durchlauf in seiner Genialität zu verstehen ist, aber dafür eine enorme Halbwertszeit dem Album verleiht – unter anderem versteht sich!

Hearts/Wires

Ich will ehrlich sein, dass „Hearts/Wires“ mich von Anfang an in den Bann gezogen hat. Man arbeitet sich mit Klangbildern über die ersten 90 Sekunden, bevor zu einer dezenten Gitarre Chino Moreno ein weiteres Mal für Gänsehaut-Momente sorgt. Eine getragene und ruhige Stimme hüllt einen ein und lässt den Hörer abschweifen. Auch mit der Zunahme der Epik nach einer weiteren Minute wird man nicht aus seinen melancholischen Gedanken gerissen. Ein unfassbar intensiver Song, welcher an Epik nicht zu übertreffen ist.

Pittura Infamante

Unerwartet fröhlich und locker zeigt sich der sechste Track des Albums „Gore“. Und dies, obwohl der Titel „ Pittura Infamante“ im übertragenen Sinne für das Wort „Schandbild“ steht. Die Lockerheit soll sich auch gegen Mitte des Songs nur unwesentlich verändern, was den Song aber nicht unbedeutender macht in seinem Dasein. Stimmlich auf jeden Fall ein schwieriger Song für Chino Moreno, falls der Song auf den anstehenden Konzerten gespielt werden sollte. Zu extrem sind die Wechsel von Tenor-lastigen Passagen zu den Passagen, welche streckenweise die Männlichkeit von Moreno vergessen lassen. Unterschwellig verdichtet sich aber der Song enorm, was dem Hörer aber erst nach den 4 Minuten so richtig klar wird.

Chino Moreno -Live

Chino Moreno ist seit geraumer Zeit wieder bei seinen alten Stärken angekommen. Sowohl im Studio, als auch auf der Bühne.

 Xenon

Wechsel zwischen Riff und gezielten Griffen auf dem Brett von Carpenter. Man arbeitet erneut mit den Gegensätzen, schafft durch den Wechsel von Hoch und Tief Spannugsbögen, welchen die Band folgt. Oder Carpenter der Band? Man zieht jedoch gemeinsam an einem Strang und präsentiert wohl den eingängigsten Song des Albums. Keine Ausreißer, kein Gehetze, aber eben auch keine Nullnummer, die durch Belanglosigkeit aus dem Rahmen fallen würde.

(L)MIRL

„Let’s meet in real life“ verspricht der Titel „(L)MIRL“. Wenn da nicht das „I don’t miss you. I don’t care where you are or not. You are a ghost to me“ wäre. Mit einem Treffen wird es somit etwas schwieriger. Bedächtig und still startet man in den zweit längsten Song des Albums, welcher seine Spielzeit auch benötigt um die zuerst andächtige Stimmung in ein regelrechtes Zerfetzen der angestauten Gefühle zu entladen. Was ruhig beginnt, baut sich zu einem wahren Koloss auf, der mit Geshoute, Geschrei und drückender Instrumentalisierung die letzte Minute einleitet. Man fühlt sich an die alten Tage erinnert, in denen ein „Bored“ zum Ausnahmesong erklärt wurde. Brachiales Ding!

Gore

Titelsongs wird ja meist eine zentrale Rolle zugesprochen und so verhält es sich bei „Gore“. Cunningham spielt dezent die Snare, was den Anschein erwecken könnte, dass „Gore“ eine ruhigere Nummer wird. Auch Moreno erinnert mit seinem Gesang an seine Nebenprojekte Team Sleep und Crosses, was letztendlich aber nur einer Facette des Songs darstellt. Die Gefühlsausbrüche, welche anscheinend alle Bandmitglieder heimsucht, entladen sich punktuell, dafür aber auch direkt ohne Umwege. Durchzogen von melodischeren Passagen zeigt dieser Song wohl alle Gesichter dieser Band. Ein Querschnitt durch die 28 Jahren Bandgeschichte quasi, welche mit Pop, Metal, Rock und dennoch einer famosen Eigenständigkeit gezeichnet ist. Zentrale Rolle des Songs wird attestiert! Chapeau meine Herren!

Phantom Bride

Die uneingeschränkte Liebe des Deftones-Fronters kommt beim vorletzten Song zum Tragen. Shoegazing, die schwelgende Art Musik darzubieten, liegt Moreno am Herzen und genau hier sehen viele Fans den Ca­sus knack­sus für die Differenzen innerhalb der Band. Carpenter orientiert sich eher Richtung härterer Gangart, Moreno in die entgegengesetzte Richtung. Hier soll Moreno seinen Kopf durchsetzen und große Melodien regieren „Phantom Bride“. Ein schleppendes Schlagzeug, welches gefühlt immer wenige Millisekunden hinter der Band spielt, unterstreichen den leidenden Gesang von Moreno. Carpenter musste bei diesem Song aber doppelt zurückstecken, denn Song Nummer 10 fährt mit einem Gastspiel des Alice In Chains-Gitarristen Jerry Cantrell auf, der das Solo kurzerhand einspielte. Wer den Ausnahme-Künstler kennt, weiß, dass seine einzigartige Spielweise in einem offensichtlichen Widerspruch zur Musik der Deftones steht. Und gerade hier liegt der Reiz des Songs, welcher eine andere Seite der Band zeigt und mit einem „Wow“-Effekt quittiert wird.

Rubicon

Letzter Song einer bis dahin sehr bewegenden Platte. Die Stimmungswechsel haben sich geradezu im Minutentakt die Klinke in die Hand gegeben und auch „Rubicon“ soll hier keine Ausnahme darstellen. Man schwankt zwischen lärmender Riff-Wand und den stillen Momenten, in denen der Song auf das Minimalste des Minimalen reduziert wird. Ausgleichende Gerechtigkeit hinsichtlich der Gitarrenarbeit kommt hinzu, da Carpenter zwar dezent, aber dennoch mit verzerrtem Gitarrenspiel arbeiten darf. Tut der Epik in keiner Weise einen Abbruch und letztendlich erweist sich der Song als musikalischer Handschlag der beiden Bandmitglieder. Mit Wums und Druck verabschiedet man sich. Danke!

Deftones- Band

Trotz angeblicher Diskrepanzen haben sich die Deftones zu einem Meisterwerk durchringen können.

Das Fazit:

Was ist das Fazit? Nun, „Gore“ ist ein Brocken und dies nicht zu knapp! Wer seichte Musik sucht, kann getrost auf dieses Album verzichten. Easy Listening geht anders und der Zugang kann mitunter schwer werden. Dieses Album will zerlegt werden, man sucht nach Puzzleteilen, welche das große Gesamtbild aufzeigen und ja, man findet auch alle Teile. Wir sprechen von einem Album, welches eindrucksvoll aufzeigt, wie die Deftones sich in all den Jahren losgelöst haben von dem einstigen Nu Metal-Hype, der die Band abgestraft hat. Die Schublade stand auf, man hatte die Band schon quasi in der Hand und legte sie rein, doch die Rechnung wurde ohne die Band aus Sacramento gemacht. Man sperrt sich und der Widerstand ist und war da. „Gore“ ist wohl der kreativste Beweis dafür, dass diese Band brennt und mit 11 Songs aufzeigen kann, dass sie ein einer eigenen Liga spielen!

 

 

 

 

Autor: Peter

Ich schreibe seit 2009 für EMP, von Produkttexten über Reviews bis hin zu Beiträgen im Blog. Meine größte Passion ist meine Familie und die Fotografie sight-of-sound.de!. Ich lebe in Hamburg, liebe Platten, Filme, Konzerte und gute Bücher. Musikalisch bin ich weniger engstirnig, denn letztendlich muss Musik gut gemacht sein und mich packen!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: